Bau der ersten Ethylen-Gesamtanlage,
Einstieg in den Großanlagenbau
Ab den 50er Jahren wuchs der Anlagenbau in völlig neue Dimensionen. Zur wichtigsten Kundengruppe wurde die petrochemische Industrie, wo die Gas-zerlegung neue Anwendungsmöglichkeiten bot.
Für Linde bedeuteten diese Aufträge den Einstieg in den Großanlagenbau mit völlig neuen technischen und finanziellen Herausforderungen. Nachdem vor allem die amerikanische Konkurrenz dazu übergegangen war, komplette schlüsselfertige Chemieanlagen aus einer Hand anzubieten, wagte auch Linde diesen Schritt. Es ist ein ebenso risiko- wie ertragreiches Geschäft. Leistungen, Kosten und Termine werden in so genannten Turnkey-Lumpsum-Verträgen garantiert. Heute gehört Linde Engineering beim Bau von schlüsselfertigen verfahrenstechnischen Anlagen zur Weltspitze.
Seine erste Ethylen-Gesamtanlage baute Linde einschließlich der dafür benötigten Spaltöfen 1965 für Veba Chemie in Scholven bei Gelsenkirchen. Es folgten weitere Großanlagen in Deutschland, Frankreich, Spanien, Holland und in Übersee - schlüsselfertig und zum Festpreis. Rund 50% aller Aufträge für den Bau von petrochemischen Anlagen in Europa gingen bis 1972 an Linde. In dieser Ethylen-anlage wurde das Erdölprodukt Naphtha in den Spaltöfen in Ethylen und Propylen gespalten, welche anschließend durch Tieftemperaturdestillation getrennt und fraktioniert werden. Neben Naphtha können auch andere Ausgangsstoffe, zum Beispiel Erdgas, Butan oder Propan, verwendet werden.
Ethylenanlage in Scholven
Ethylen ist gasförmig und eine der einfachsten Kohlenwasserstoffverbindungen. Es kann beispielsweise als Reifehormon für Obst und Gemüse verwendet werden. Die größte Bedeutung erlangte Ethylen jedoch als Ausgangsstoff für die Herstellung des Kunststoffes Polyethylen, aus dem beispielsweise Folien und Beutel gemacht werden. Moderne Ethylenanlagen sind ein komplexes Netzwerk von über 300 prozesstechnischen Baugruppen mit Arbeitstemperaturen von minus 170 bis weit über 1000 Grad Celsius.
1990 bekam Linde Engineering den bis dahin größten Auftrag in der Unternehm-ensgeschichte im Wert von 1,3 Milliarden DM von BASF. Als Generalunternehmen übernahm Linde Planung, Bau und Einrichtung einer schlüsselfertigen Ethylen-anlage in Antwerpen. 1992 konnte Linde auch China als Kunden für Ethylen-anlagen gewinnen. Chinas größte Anlage zur Ethylenproduktion errichtete Linde 2005. Der wachsende Markt im größten Land der Erde bietet auch in Zukunft ein großes Betätigungsfeld für den Linde Anlagenbau.
Die weltgrößte Ethylenanlage baute Linde schließlich 2000 in Bandar Imam im Iran. Die Anlage wurde in einen bereits bestehenden Chemiekomplex integriert und hat eine Kapazität von 1,1 Mio Tonnen Ethylen und 200.000 Tonnen Propylen pro Jahr. Ausgangsstoff ist Erdgas.