Riesige Gasvorräte schlummern an den entlegensten Orten der Welt. Doch der Bau moderner und umweltverträglicher Gasverarbeitungsanlagen in der Wüste oder im Polarmeer stellt selbst erfahrene Ingenieure vor extreme Herausforderungen. Linde hat ein Team aufgestellt, um solche Probleme praktikabel und gleichzeitig kostengünstig zu meistern – das Competence Centre Modularisation (CCM). Das Konzept: Linde fertigt Anlagen modular an bewährten Stätten liefert sie dann an entlegene Zielorte.
Design einer modularen Luftzerlegungsanlage
Diese Denkweise hat bei Linde eine erfolgreiche Tradition. Mit dem CCM bündelt das Unternehmen nun Erfahrungen, die es beim Bau komplexer Anlagen an schwer zugänglichen Orten gesammelt hat. Ambitionierte Projekte brachten die Linde-Ingenieure unter anderem nach Melkøya. Die Milchinsel, so ihr deutscher Name, ist ein kleines, unbewohntes Eiland im äußersten Norden Norwegens. Von hier aus ist es näher nach St. Petersburg und Helsinki als in die Hauptstadt Oslo. Eigentlich dürfte die kleine Insel nur Reisenden bekannt sein, die es beim Ansteuern des nahegelegenen Hafens der Kleinstadt Hammerfest passieren. Seit gut einem Jahrzehnt aber stehen die Namen Hammerfest und Melkøya für beeindruckende Ingenieurskunst. Der norwegische Konzern Statoil betreibt hier die am nördlichsten gelegene Erdgasverflüssigungseinheit Europas. Geplant, gebaut und ans Ziel gebracht wurde die Anlage von Linde.
Ans andere Ende Europas
Die LNG-Anlage (Liquefied Natural Gas) im Nordmeer ist ein ambitioniertes Pionierprojekt, mit dem die Ingenieure nicht nur geografisch in neue Sphären vorgedrungen sind. Die „Cold Box“, so heißt die Kältekammer, in denen das Erdgas auf minus 163 Grad Celsius abgekühlt und somit verflüssigt wird, hat die Ausmaße eines 20-stöckigen Hochhauses. Sie ist 62 Meter hoch, 3500 Tonnen schwer und kam mit dem Schiff auf die Insel. Zusammengesetzt wurde sie im belgischen Antwerpen. Auch weitere Elemente, etwa die schwimmende Prozessanlage, ein 35.000 Tonnen schwerer Koloss aus Beton und modernen Prozessmodulen, gelangten über den Seeweg aus dem südspanischen Cadiz ans andere Ende Europas.
Dass sich die spektakulären Transporte überhaupt lohnen, liegt an den schwierigen Bedingungen am Zielort. Denn wo vorher nichts ist, muss alles erst hingebracht werden. „Man hat keine Leute, keine Infrastruktur, es gibt Probleme mit der Energieversorgung – das muss man alles erst mal aufziehen“, sagt Christian Proske, Leiter von Lindes Modularisierungseinheit CCM. Hinzu kommen hohe Lohnkosten, etwa in Norwegen oder in Australien. Je weniger Arbeiter vor Ort verpflegt und bezahlt werden müssen, desto preiswerter gerät die Anlage.
Bauen im sicheren Umfeld
Bei der LNG-Anlage in Kwinana kamen gleich mehrere Punkte zusammen, die eine modularisierte Bauweise begünstigten. Neben den hohen Lohnkosten und der fehlenden Infrastruktur erschwert die Hitze im Westen Australiens komplexe Bauprojekte. Die Lösung: Linde ließ die Anlage in Thailand fertigen und per Schiff nach Kwinana bringen. „Im Yard, einer Art riesiger Werkstatt, habe ich mein sicheres Umfeld“, erläutert Proske. „Ich habe eine eingespielte Mannschaft, feste Kräne. Dadurch brauche ich weniger Gerüstbau und habe ein geringeres Risiko durch Wettereinflüsse.“
MRC Kompressor in der LNG Anlage Kwinana
Mittlerweile hat Linde ein globales Netz von Yards gespannt, in denen fertige Module oder gar ganze Anlagen zusammengesetzt werden können, z.B. in Thailand, Portugal und Mexiko. Weitere Kooperationen sind in Planung. So können Proske und sein Team jedem Kunden ein Angebot maßschneidern, die Wege möglichst kurz und die Kosten niedrig halten.
Modularisierung als Trumpf
Bei früheren Projekten wurde die Idee der Modularisierung erst im Laufe der Planungen Teil der Konzeption. In Zukunft will Linde schon zu Anfang der Vorbereitungen entscheiden, ob das Projekt in modularisierter Bauweise oder klassisch „stick-built“, also vor Ort zusammengesetzt, gebaut wird.
Pauschal lasse sich nicht beurteilen, welche Bauweise besser geeignet ist, sagt Proske und verweist auf individuelle Prüfung in jedem Fall: „Das bedeutet nicht, dass wir nur noch modularisieren. Unsere Aufgabe ist, das beste Konzept für die jeweilige Anlage zu untersuchen und diesen Weg dann zu gehen.“
Schwimmende LNG-Anlagen
Besonders zum Tragen kommen die Vorteile der Modularisierung beim Projekt Floating LNG. Das sind schwimmende Erdgasverflüssigungsanlagen in der Hülle eines Schiffs. Das Projekt entsteht im Rahmen eines Konsortiums unter Beteiligung von Linde und soll es ermöglichen, Erdgasvorräte fernab der Küste zu fördern und direkt zu verflüssigen. Denkbare Einsatzgebiete sind die Arktis oder Gasfelder mitten im Ozean.
„Eine interessante Geschichte für uns“, sagt Proske. „Von der Außenhaut sieht die Anlage aus wie ein Öltanker, an Deck hat man dann die Prozessmodule, eine ganze Anlage, die auf hoher See produziert.“ Durch die Erfahrungen der letzten Jahre sieht Proske das Unternehmen heute „wesentlich besser aufgestellt“. Das Know-how auf dem Gebiet der Modularisierung hat Linde, im wahrsten Sinne des Wortes, ins Boot geholt.
Ingenieurin bei der Arbeit auf der LNG Anlage