Teamleistung lässt sich auch in Gewicht messen: Ein 900 Tonnen schweres Modul ist beispielsweise das Ergebnis konzentrierter Entwicklungsarbeit, die Linde Projektleiter Dr. Luis Grimm intensiv begleitet hat. Doch bis er und sein Spezialisten-Team die neue Einheit zur Stickstoffabtrennung von Erdgas (Nitrogen Removal Unit – kurz: NRU) auf ihren Weg per Schiff zum eigentlichen Arbeitsort schicken konnten, mussten sie enorme technische und organisatorische Hürden überwinden. „Vor drei Jahren haben wir mit einem einfachen Prozessschema begonnen“, erzählt Luis Grimm. „Wir wussten, dass wir eine enorm komplexe Aufgabe zu meistern hatten.“ Und nur durch die intensive Zusammenarbeit aller Linde-Experten konnte das ambitionierte Ziel erreicht werden.
Erdgas-Brennwert wird durch die Anlage erhöht
Alles begann im Jahr 2013: Linde Engineering erhielt den Auftrag für den Bau der NRU. Einsatzort: der Westen Australiens. Dort wollte man die Einheit zur Stickstoffabtrennung in eine der größten Erdgasanlagen des Landes integrieren. Das Ziel: Die NRU soll den Brennwert von Erdgas erhöhen damit es in das lokale Versorgungsnetz eingespeist werden kann.
Linde lieferte die Anlage aus einer Hand – war also von der Planung, über die Beschaffung aller Teile bis zur Montage von Modulen für den gesamten Prozess verantwortlich. „Ein Komplettpaket in dieser Komplexität aus einer Hand zu realisieren – das können auf der Welt nur ganz wenige“, sagt Engineering Manager Andreas Behrendt. „Wir haben das technische Know-how und die Erfahrung im Engineering und im Einkauf um alle logistischen und organisatorischen Herausforderungen zu meistern.“
Eine weitere Besonderheit bei diesem Auftrag: Weil die Kosten für die Errichtung der Anlage in Australien deutlich höher liegen würden, sollte die Anlage modularisiert und bereits in Europa montiert werden, um dann nahezu anschlussfertig nach Australien verschifft zu werden. Als Montage-Ort wählte Linde die spanische Hafenstadt Tarragona – und plante von vornherein in Modulbauweise. Die Montage der vier Module für die NRU-Einheit erfolgte unter Führung des Linde-Standorts Schalchen in Deutschland.
Stickstoff- Abtrennung Prozess
So funktioniert Stickstoff-Abtrennung aus Erdgas
Das Prinzip der NRU: Das Stickstoff-Methan-Gemisch wird im ersten Modul, dem Taupunktregelmodul (Dew Point Control Skid) zunächst mit Plattenwärmetauschern von Linde auf eine Temperatur von minus 18 Grad Celsius vorgekühlt. Schwere Kohlenwasserstoffe werden durch Kondensation abgeschieden. Im zweiten Modul, der Coldbox, wird das Stickstoff-Methangemisch auf bis zu minus 186 Grad Celsius weiter abgekühlt. Weil Stickstoff und Methan bei unterschiedlichen Temperaturen kondensieren, lassen sich die Bestandteile des Gemischs separieren (Kryogene Trennung). Die Anlage leitet den Stickstoff in die Umgebungsluft, während das Methan in eines der beiden Pumpmodule gelangt, wo es je nach Verwendungszweck auf den jeweils passenden Druck gebracht wird.
„Das Herzstück der Anlage ist die 350 Tonnen schwere und 35 Meter hohe Coldbox“, sagt Luis Grimm. „Ein extrem komplexes Modul, das man für diese Anwendung nicht einfach von der Stange kaufen kann.“ Die gesamte Anlage musste speziell für die Gegebenheiten in Australien geplant werden, wie Andreas Behrendt erklärt: „Die Erdgaszusammensetzung ist zum Beispiel bei jedem Projekt anders – und sie ändert sich auch noch über die Betriebszeit der Gesamtanlage.“ Deshalb mussten die Linde-Ingenieure verschiedene Szenarien berücksichtigen. „Unsere NRU ist für verschiedene Betriebsfälle ausgelegt. Das macht die Anlage sehr flexibel.“
Nitrogen rejection unit (NRU) Montage in Tarragona, Spanien
140.000 Arbeitsstunden für die Montage
„Eine der größten Herausforderungen war die Koordination“, sagt Projektleiter Luis Grimm. Aber Linde hat eine jahrzehntelange Erfahrung mit komplexen Projekten: Die Ingenieure müssen zahlreiche verschiedene Anlagenkomponenten auslegen. Der Einkauf muss diese anschließend so bestellen, dass sie jeweils dann auf der Baustelle zur Verfügung stehen, wenn sie benötigt werden. Bei der Montage wurden strengste Test- und Sicherheitsvorschriften eingehalten. Am Ende fielen 60.000 Ingenieur-Arbeitsstunden und 140.000 Stunden für die Montage in Tarragona an.
Vom Design, über die Beschaffung bis zur Lieferung: Der Auftraggeber profitierte von Lindes Komplett-Paket. „Unser modulares Design hat für den Kunden vier Vorteile“, erklärt Ralf Bellaire, Head of Engineering bei Linde Engineering. „Es reduziert die Kosten, verkürzt die Zeit bis zur Fertigstellung, minimiert das Risiko und steigert die Qualität der Einheit.“