Es braucht mehrere Jahre Bauzeit, bis eine neue Industrieanlage steht. Ist es dann soweit, will der Betreiber möglichst schnell in Produktion gehen. Hat er das technische Personal zu diesem Zeitpunkt bereits optimal geschult, kann die Anlage schnell, effizient und störungsfrei in Betrieb gehen. Bei großen Komplexen müssen 100 oder sogar mehr Personen geschult werden, von denen einige möglicherweise keinerlei Vorkenntnisse haben. Um das gesamte Personal durch die kompletten Schulungsinhalte zu führen, braucht es mehrere Sitzungen, die jeweils einige Wochen in Anspruch nehmen.
Anlagen – detailgetreu in 3D
Deshalb kamen Linde-Ingenieure auf die Idee, eine dreidimensionale virtuelle Kopie der Anlage herzustellen, die schon während der Bauphase ein realistisches Training ermöglicht – einen Virtual Training Simulator. „Die notwendigen Zutaten schlummerten ohnehin auf unseren Rechnern“, erklärt Linde-Projektleiterin Nanna Thiele. „Von jeder Anlage der letzten Jahre existieren digitale Konstruktionspläne, die wir für unsere Zwecke verfügbar machen.“ Thiele und der Co-Projektleiter Mathias Mostertz kooperieren mit Firmen, die normalerweise digitale Fantasie-Welten für Computerspiele gestalten.
CAD-Pläne in virtuelle Welten verwandeln
Mit Virtual Reality (VR), also der computergenerierten Simulation einer realen Umgebung, verwandeln sich die nur von Fachleuten lesbaren Daten in eine real wirkende, dreidimensionale Umgebung. Um in sie einzutauchen, braucht man im Wesentlichen eine VR-Brille mit 3D-Display, zwei Controller und einen leistungsfähigen Rechner – Hardware, die es in jedem größeren Elektronikmarkt zu kaufen gibt. Die Technik ist so einfach zu bedienen, dass sogar ein Laie einen Rundgang in der Anlage machen kann.
Virtual Training Simulator
Erster Einsatz als Trainingstool für russischen Kunden
Als Prototypen bildete das Entwicklungsteam den von Linde Engineering geplanten Teilkomplex einer der weltgrößten Gasaufbereitungsanlagen in der Amur-Region in Ostrussland virtuell ab. Die Anlage soll vom Jahr 2021 an Stück für Stück in Betrieb genommen werden. „Ziel ist es, eine interaktive Trainings-Plattform zu entwickeln, die es dem zukünftigen Betreiber-Personal bereits lange vor dem Bau der Anlage ermöglicht, sich auf dem riesigen Areal zurecht zu finden“, sagt Benjamin Krebs, Business Owner des Projekts und Ingenieur für Prozesstechnik und Inbetriebnahme. Er hat schon viele Trainings selbst geleitet und sieht in dem Tool eine große Bereicherung für klassische Trainings.
Virtuelle Trainings künftig Servicebestandteil
Sicherheitstrainings, die Schulung von typischen Handgriffen und wiederkehrenden Abläufen, sind hier ohne eventuelle schwerwiegende Konsequenzen in einem sicheren Umfeld möglich. Eintauchen in diese Welt kann man von überall auf der Welt zu jeder Zeit – auch mit mehreren Personen. Die gesamte benötigte Hardware – inklusive Laptop, VR-Brille und Controllern – lässt sich in einem speziell angepassten Hartschalenkoffer transportieren. Künftig soll der Trainingssimulator regulärer Bestandteil des Serviceangebots von Linde Engineering sein.