Techniker trainieren mit Virtual-Reality-Brillen den Betrieb von Großanlagen. Ein Algorithmus prognostiziert Wünsche von Gaskunden. Datenbrillen helfen bei der Reparatur von komplexen Modulen. Das sind drei Beispiele für digitale Projekte, die Linde in den vergangenen Monaten bis zur Anwendungsreife gebracht hat. Zwar führt Linde schon seit Jahren digitale Technologien in allen Geschäftsbereichen und an allen Arbeitsplätzen ein – Beispiele dafür sind die fünf Remote Operation Centers (ROC), die etwa 1.000 Industrieanlagen weltweit aus der Ferne steuern. Neu im Unternehmen ist aber die Einführung des in der Startup-Branche üblichen sogenannten Accelerator-Prozesses.
Accelerator-Prozess: viel ausprobieren, schnell entscheiden
„Durch digitale Technologien lassen sich sehr schnell und kostengünstig neue Dinge ausprobieren und entwickeln“, erklärt Philipp Karmires, Leiter Digitalisierung bei der Linde AG. „Unser Prinzip: Projektideen in kleinen Teams drei Monate lang vorantreiben und dann bei Erfolg schnell ins Business überführen. Was in dieser Zeit nicht funktioniert, lassen wir wieder los.“ Nur was sich bewährt, wird ins Geschäft überführt. Mit ersten digitalen Innovationen verdient Linde bereits Geld.
Die Ideen für neue digitale Projekte kommen oft von Mitarbeitern, die das klassische Tagesgeschäft bei Linde betreiben. Karmires’ Mitarbeiter (Digital Accelerators) setzen die Projekte zusammen mit dem Business um und kooperieren dabei bei Bedarf mit einem internationalen Netzwerk aus externen Partnern, die in der Regel aus der Start-up-Szene stammen.
Die Rolle des Digital Base Camps
Um den Digitalisierungsprozess im gesamten Unternehmen zu verankern und eine zentrale Anlaufstelle zu schaffen, arbeitet das Digitalisierungsteam um den früheren Google-Manager Karmires seit August 2016 im sogenannten Digital Base Camp. Es ist am Firmenstandort Pullach bei München angesiedelt, im sechsten Stock eines Linde-Bürogebäudes aus den 1950er Jahren. „Für uns ist es wichtig, dass wir Teil des normalen Betriebs sind“, sagt Karmires. „Unser Konzept geht nur auf, wenn wir in ständigem Austausch mit den Mitarbeitern aus dem Business stehen.“ Deshalb besteht das Digitalisierungsteam im Digital Base Camp zum Teil auch aus Mitarbeitern, die vorher mehrere Jahre im klassischen Linde-Geschäft gearbeitet haben – ergänzt durch Datenspezialisten, Softwareentwicklern und Experten, die aus der Digitalbranche zu Linde kamen. Erweitert wird das Team durch Spezialisten von Technologie-Start-ups und Universitäten (z.B. TU München), mit denen Linde kooperiert. Seit diesem Herbst leitet Karmires außerdem ein weiteres Team in Singapur. Im Februar 2018 eröffnete Linde dort ein zweites Digital Base Camp, um die Innovationskraft in Südostasien zu nutzen und die Anforderungen der Kunden im asiatischen Markt noch besser zu erfüllen.
Virtual Reality
Datenschätze heben
Viele der Projekte nutzen digitale Daten, die Linde seit Jahren in unterschiedlichen Geschäftsfeldern sammelt. So fließen die Daten von 500.000 Sensoren in Industrieanlagen weltweit in ein neu entwickeltes Predictive-Maintenance-System. Dieses spürt Störungen frühzeitig auf, sodass Techniker Bauteile vorausschauend austauschen können, bevor sie kaputtgehen. Die maximale Anlagenverfügbarkeit ist das Ziel. Alleine in der Region Südostasien erwartet Linde durch optimierte Wartungszyklen eine Ersparnis von mehreren Millionen Euro jährlich.
Vom Prototyp zum erfolgreichen Produkt
„Wir glauben daran, dass wir unser Kerngeschäft in die digitale Welt hinein entwickeln können. Das erreichen wir aber nur, wenn wir unsere Organisation aus der Mitte heraus mit den neuen Arbeitsweisen und Technologien infizieren“, erklärt Julien Brunel, Leiter Digitalisierung bei der Konzerndivision Linde Engineering. Die Aufgabe von ihm und seinem Team: Projekte, die erfolgreich aus dem Accelerator-Prozess hervorgehen, ins Geschäft zu überführen. In jeder Linde-Division und auch einigen Landesgesellschaften arbeiten Digitalisierungsexperten daran, aus den Prototypen neue Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln oder klassische Geschäftsprozesse zu optimieren. Bei mehreren Innovationen ist dies bereits gelungen.
Digitaler Zwilling, virtueller Trainer und Smart Glasses
Auch die in der Branche vielbeachtete Service-Plattform LINDE PLANTSERV™ Portal wurde im Digital Base Camp entwickelt. Dieses Projekt verknüpft Anlagen mit einem digitalen Zwilling. So können Betreiber Reparaturen via Webbrowser einfacher organisieren und Ersatzteile effizient und preiswert beschaffen. Industrieanlagen sind komplexe Konstruktionen mit mehreren zehntausend Bauteilen. Das digitale Herzstück des LINDE PLANTSERV™ Portal sind daher die anlagenspezifischen Rohrleitungs- und Instrumentenfließschemata, kurz P&ID für Piping and Instrumentation Diagram. Im Portal findet jeder Kunde die Diagramme seiner Anlagen und das benötigte Ersatzteil. Linde betreibt die Plattform und garantiert, dass die angezeigten Teile optimal passen.
An digitalen Abbildern seiner Anlagen schult Linde Engineering auch Fachpersonal – und das noch vor der Fertigstellung. Die animierten Komplexe des Virtual Training Simulators entstehen auf Basis der Konstruktionszeichnungen. In einer Virtual-Reality-Umgebung können sich Kunden mit ihrer Anlage vertraut machen und kritische Situationen trainieren. Und sollte es bei den Anlagen, die oft in entlegenen Regionen stehen, zu Problemen kommen, helfen sogenannte Smart Glasses. LindeGO heißt dieses Projekt, das an ersten Standorten bereits eingesetzt wird. Die Datenbrillen ermöglichen die Wartung einer Anlage aus der Ferne. Mit Augmented Reality, der erweiterten Realität, helfen Linde-Experten dem Technikpersonal vor Ort bei Störfällen oder Reparaturen, ohne selbst anreisen zu müssen. Die Geräte wurden bereits an mehreren Standorten eingesetzt – als kostengünstige und Zeit sparende Alternative zur Entsendung von Fachpersonal.
Smart Glasses LindeGO
Das Beste aus zwei Welten
Während beim klassischen Anlagenbau die Ingenieure akribisch jeden Projektschritt planen, die sich häufig über Zeiträume von mehreren Jahren erstrecken, entwickeln sich die digitalen Geschäftsmodelle aus dem Silicon Valley rasant. Diese zwei sehr unterschiedlichen Welten bringt der Technologiekonzern bei seiner digitalen Transformation zusammen. „Wir sind von unserer Strategie überzeugt, weil wir wissen, dass wir uns verändern müssen, um auch in Zukunft wettbewerbsfähig zu bleiben“, sagt Karmires. „Deshalb gestalten wir den Wandel aus einer Position der Stärke, bevor die disruptive Welle unsere Branche erreicht.“