Commissioning Engineers: Spezialisten im weltweiten Einsatz

Der Bau einer Industrieanlage ist ein komplexes und aufwendiges Unterfangen – und der Job von Françoise Sabatier und ihrem Team gut ausgebildeter Spezialisten. Wie der Beruf eines Commissioning Engineers aussieht? Riesige Anlagen mit unzähligen Komponenten fachgerecht in Betrieb nehmen und das millionenschwere Projekt dann an den Kunden übergeben. Wir haben das Team begleitet.

Asien, Australien, Europa, Nordamerika – auf vier Kontinenten hat Francoise Sabatier schon gearbeitet, dabei ist die Belgierin gerade einmal 37 Jahre jung. Was sie umtreibt, sind Erdgasanlagen auf der ganzen Welt. Wo immer Linde Engineering eine neue Anlage errichtet, sind Commissioning Engineers wie Sabatier vor Ort, um sie zu inspizieren, in Betrieb zu nehmen und dem Kunden zu übergeben.  


Was sich banal liest, ist bei einer in vielen Jahren geplanten und errichteten Industrieanlage ein komplexer Vorgang. Es gibt keinen schlichten Schalter, mit dem sich die Anlage starten lässt. Stattdessen vergehen einige Monate, ehe die hochhaushohen Komplexe startklar sind. „Die Anlage muss sauber sein, dicht und trocken“, fasst Sabatier diese Aufgabe zusammen. Selbst kleinste Gegenstände oder millimetergroße Lecks in den kilometerlangen Rohren und Leitungen könnten erhebliche Schäden an den meist Hunderte Millionen Dollar teure Anlagen hervorrufen. Umso wichtiger ist die Arbeit der Commissioning Engineers, die die Bauphase abschließen und die Anlage fit für die Übergabe an den Kunden machen.

Francoise Sabatier, Department Head, Systems Engineering and Start-up, Natural Gas Product Line
Engineers and builders work on construction site

Überraschungsfunde auf der Baustelle

Gerade bei der Reinigung ist höchste Aufmerksamkeit gefragt, denn mitunter wartet so manche Überraschung im Anlageninneren, wie Sabatier berichtet: „Wir finden alle möglichen Dinge. In Australien haben wir schon eine Schlange aus dem Isoliermaterial  geholt.“  


Bevor sich der Commissioning Engineer auf Reise begibt und das Projekt auf der Baustelle betreut, beginnt seine Arbeit am Schreibtisch mit der Vorbereitung auf die Bauphase der Anlage. Dabei greift er in Teilen auch in den Planungsprozess ein. Er sorgt dafür, dass die Projekt Ingenieur alle Vorrichtungen, die er für die Inbetriebnahme benötigt, bei der Konzeption beachten. Dazu gehören unter anderem entsprechende Leitungen, Regler und Messinstrumente.  


Auf der Baustelle selbst arbeitet meist ein ganzes Commissioning Team. Der führende Commissioning Engineer, auch Commissioning Manager genannt, überwacht gemeinsam mit dem Site Manager die Vorbereitungen zur Inbetriebnahme. „Erst wenn wir die Anlage samt all ihrer Komponenten gründlich geprüft haben, können wir sie anlaufen lassen und auf Volllast fahren.“  Das bedeutet, dass die Ingenieure die Erdgasverflüssigungsanlage kontrolliert auf etwa minus 160 Grad Celsius herunterkühlen. Bei Heliumanlagen sind es sogar etwa Temperatur in der Nähe von dem absoluten Nullpunkt.

Den Kunden fit machen für den Betrieb

Zu den Aufgaben eines Commissioning Engineers gehört auch, den künftigen Betreiber mit seiner neuen Anlage vertraut zu machen. „Wir sind dann eine Art Trainer“, sagt Sabatier. Auf der Baustelle nehmen die Commissioning Engineers den Kunden in die „Fahrschule“, mit theoretischer Einführung im Klassenraum und praktischen Übungen auf der Anlage während der Inbetriebnahme und Inbetriebnahmevorbereitung. Sollten dennoch einmal Fragen oder Probleme auftreten, stehen die Commissioning Engineers auch später noch als kompetente Ansprechpartner für den Kunden zur Verfügung. Typische Fragen drehen sich zum Beispiel darum, wie der Kunde seine Anlage besser fahren kann, um sie produktiver zu machen und mehr aus ihr herauszuholen.  


Die Kommunikation erfolgt dann in der Regel aus der Ferne via Telefon, E-Mail und Videokonferenzen, weil die Commissioning Engineers dann meist schon wieder ganz woanders sind. Denn „die Baustelle“, wie Sabatier ihren Arbeitsplatz schlicht nennt, kann in Australien sein, in Kanada, in Norwegen oder in Malaysia. Dort, im malaiischen Bintulu, über 10.000 Kilometer von ihrem Büro in München entfernt, hat Sabatier 2015 als Engineering Managerin die Montage sowie Inbetriebnahme der bis dato weltweit größten Anlage zur Wiederverflüssigung von verdampftem Erdgas unterstützt.



Innovative Anlage zur Wiederverflüssigung von Erdgas

Linde Engineering errichtete die Anlage an der Nordküste der Insel Borneo inmitten eines der größten Komplexe zur Produktion von verflüssigtem Erdgas (kurz LNG, für Liquefied Natural Gas). Am Standort Bintulu produziert die Betreibergesellschaft Malaysia LNG (MLNG), eine Tochter des staatlichen Konzerns Petronas, jährlich 30 Millionen Tonnen Flüssigerdgas. Bei dieser großen Menge erreichen die technisch kaum zu verhindernden Verluste durch Verdampfung beträchtliche Mengen. Bisher wurde das Boil-off Gas (BOG) als Fackelgas einfach verbrannt. Mit der neuen BOG RückverflüssigungsAnlage können die Betreiber rund 0,8 Millionen Tonnen Erdgas wiederverflüssigen. Im Jahr 2016 entsprach das 7,5 Schiffsladungen, die als Kraftstoff oder Heizmittel genutzt werden konnten. „Damit sparen wir nicht nur Geld, sondern reduzieren auch den Ausstoß des Treibhausgases Kohlenstoffdioxid, das bei der Verbrennung in die Luft gerät“, erläutert Sabatier.



Offenheit und Neugier werden belohnt

Persönlich hat die studierte Maschinenbauerin neben „ein paar Brocken Malaiisch“ noch viel mehr aus dem südostasiatischen Land mitgenommen. Ihren Tauchschein zum Beispiel – und viele spannende Eindrücke, wie sie erzählt: „Das Land beeindruckt mich. Malaysia ist ein Schmelztiegel, in dem viele Kulturen und Religionen zusammenkommen: Muslime, Katholiken, Buddhisten, Chinesen und Hindus leben friedlich zusammen.“ Eine gewisse Offenheit und Neugier sei aber Voraussetzung für den Job, sagt Sabatier. „Wer etwas Neues sehen will, kann unheimlich viel mitnehmen.“
Seit 2005 arbeitet Sabatier bei Linde Engineering. „In der Zeit bin ich viel herumgekommen“, sagt sie. Schmunzelnd zählt sie auf: „Australien, Norwegen, Kanada, China, Polen, Niederlande, Russland, Monaco, und eben Malaysia.“



Panoramic view of the mid-scale Liquefied Natural Gas (LNG)
BOC reliquefaction plant in Bintulu, Malaysia.
Chinese temple in Bintulu, Malaysia

Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Die vielen Reisen und Auslandsaufenthalte haben Sabatier nicht daran gehindert, eine Familie zu gründen. Um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu gewährleisten, bietet Linde Engineering verschiedene Modelle an. Während der Zeit auf der Baustelle arbeiten die Spezialisten von der Betriebstechnik mehr und bauen Überstunden auf, die sie dann für regelmäßige, wochenlange Freizeit nutzen können. In der Praxis sieht das beispielsweise so aus: „Man ist sechs bis zwölf Wochen auf der Baustelle und hat dann zwei bis drei Wochen frei“, erläutert Sabatier. Bei längeren Aufenhalten ist es sogar möglich, die eigene Familie mit ins Ausland zu nehmen. 


Einsamkeit müsse aber auch im Ausland niemand fürchten: „Die Kollegen auf der Baustelle sind eine zweite Familie, man lernt sich gut kennen, schließt enge Freundschaften.“



Dabei sein, wenn Großes entsteht

„Commissioning Engineers erfüllen ein besonderes Berufsprofil“, sagt Sabatier. In  verschiedenen Funktionen hat sie Anlagen auf der ganzen Welt begleitet, in allen Phasen der Abwicklung bis hin zur Übergabe an den Kunden sowie in der anschließenden After-Sales-Betreuung. Mittlerweile leitet sie die Abteilung Betriebstechnik für Erdgasanlagen und ist damit Vorgesetzte der Commissioning Engineers. „Das Leben auf der Baustelle muss man schon mögen. Eine gewisse Entscheidungsfreudigkeit und Durchsetzungsvermögen sollten da sein – dort ist man sein eigener Chef.“ Wer zu theoretisch an die Sache herangehe, sagt Sabatier, der könnte sich überfordert fühlen, wenn Improvisationstalent gefragt ist.  Besonders spannend sei es, sagt Sabatier, dem Geschehen auf der Baustelle beizuwohnen und den Baufortschritt zu beobachten. Wenn die Anlage dann richtig anläuft und der Kunde sie zufrieden übernimmt, ist das Werk der Commissioning Engineers getan. Dieser Moment erfülle sie mit großer Zufriedenheit, sagt sie: „Man sieht live, was man jahrelang auf dem Papier und am Bildschirm geplant hat.“

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